|
Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1978.
Sonntagabend. In der kleinen Bar des Hotels „Unia" in der polnischen Stadt Lublin stehen gut gelaunte Leute beieinander. Sie lachen und scherzen und werden nur einmal ganz unwirsch, als sich herausstellt, daß die Barfrau kein „piwo" (Bier) auf Lager hat. Aber die Damen und Herren wissen sich zu helfen und bestellen statt dessen „Gelbe Lümmel", wie sie das Gemisch aus Wodka und Orangensaft nennen. Ein zufällig dabeistehender Österreicher beobachtet die Gruppe interessiert und fragt: ..Seid's ihr Touristen?" Nach Lage der Dinge drängt sich diese Vermutung auf. Aber sie ist falsch.
Die Teilnehmer der fröhlichen Gesellschaft sind allesamt beteiligt an einem NS-Verfahren, in dem es um die Ermordung von 250.000 Menschen geht. Drei Richter, zwei Staatsanwälte, zwei Nebenkläger-Vertreter und acht Verteidiger, die normalerweise im Schwurgerichtssaal 111 des Düsseldorfer Landgerichts über die Massenvernichtung im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek bei Lublin verhandeln, sind an den Ort des furchtbaren Geschehens gereist. Hier wollen sie mit polnischer Rechtshilfe fünf jener Zeugen vernehmen, die nicht nach Düsseldorf kommen können oder wollen.
Am Ankunftstag, an dem sich der Beginn des Prozesses zufällig zum drittenmal jährt, will man es jedoch offensichtlich locker angehen lassen. Die Bar im „Unia" ist schnell in deutscher Hand. Als die Fröhlichkeit spätabends ihrem Höhepunkt zustrebt, glaubt ein Beteiligter, dem Pressemann die Situation erklären zu müssen. „Wir alle wissen um den Ernst der Sache", sagt er. „Aber wir sind so oft zusammen und werden mit so viel Schrecklichem konfrontiert, da müssen wir auch mal albern sein. Das müssen Sie verstehen." Gegen Mitternacht muß die polnische Putzfrau „Gelbe Lümmel" vom Boden aufwischen. Die Mädchen an der Reception müssen sich zweier betrunkener Anwälte erwehren.
mehr...
Zurück |